Es geht abwärts mit uns. Über 2000 hm müssen wir nach unten, bis wir wieder auf Null sind. Wir starten in der Früh in einer kargen, wüstenähnlichen Landschaft. Mit jedem Meter, den wir nach unten fahren, verändert sich die Landschaft.

Es wird feuchter, wärmer und vor allem nebliger. Es dauert nicht lange, dann tauchen wir in einen dichten Dunst ein. Hier und da sind bereits die ersten Bananenstauden zu entdecken. Dann der erste Kakaobaum, den wir bewusst auf der Reise entdecken. Wir haben die Wolkendecke durchbrochen und befinden uns nun darunter. Als wir auf ca. Null angekommen sind, müssen wir einmal ein Tal queren, bis wir an der Küste die Stadt Guayaquil erreichen. Wir verlassen seit Anfang Kolumbien zum ersten Mal mal wieder die Anden.
Wir tauchen in einen ganz anderen und nicht zu vergleichenden Teil von Ecuador ein. Ca. 100 km durchkreuzen wir das Tal. 100 km voll mit Reis-, Bananen-, Zuckerrohr- und Kakaoplantagen. Links und rechts häuft sich der Müll. Gefühlt ist alles schmutziger und die Menschen deutlich ärmer. Die Häuser haben sich wieder in Baracken und Bruchbuden verwandelt. Kilometerlang fahren wir an Bananen vorbei. Wenn man in die Plantagen hineinblickt, erkennt selbst der Laie, dass jegliche andere Vegetation hier an diesem Ort ausgelöscht wurde. Immer wieder warnen große Schilder mit Totenköpfen vor den Flugzeugen, die Pestizide über den Plantagen verteilen. Der Wasserverbrauch in dieser Region muss exorbitant sein. Überall wird bewässert. Die Reisfelder stehen komplett unter Wasser, und trotzdem wirkt die Erde staubtrocken und ausgebrannt.

Nach einigen Stunden kommen wir in der 2,6-Millionen-Metropole an. Alles ist hektisch, und man könnte beim Autofahren meinen, jeder Ecuadorianer steht extrem unter Stress. Sobald diese aber das Fahrzeug verlassen, könnte man meinen, sie tauchen in eine andere Welt ein. Rasende und hupende Hektik wird von einer auf die nächste Sekunde zu einem langsamen, gemütlichen Lebensstil. Die Stadt ist voll und laut. Wir sind recht froh, als wir auf unserem kleinen Parkplatz ankommen. Ein freundlicher deutscher Schäferhund begrüßt uns am Tor. Ich weiß nicht, was diese Hunde hier zu fressen bekommen, aber er kann seinen Kopf fast auf der Brust ablegen. Er hat eine sehr gütige und freundliche Laune, ist aber doch recht beeindruckend, wenn er in der Nacht zu bellen beginnt, weil vor dem Tor etwas ist, das ihm nicht passt. Mit diesem Wächter fühlen wir uns mehr als sicher und schlafen sehr gut.


Guayaquil: Ecuadors wilde Hafenmetropole
Guayaquil ist kein leiser Ort. Die größte Stadt Ecuadors pulsiert, lebt, vibriert. Zwischen tropischer Hitze, hupenden Taxis und rhythmischen Klängen aus kleinen Lautsprechern. Sie liegt am Ufer des Río Guayas und ist das wirtschaftliche Herz des Landes, berühmt für ihren riesigen Hafen und berüchtigt für ihre chaotischen Straßen. Wie wir von unserem Gastgeber erfahren, haben wir Glück mit der Jahreszeit, zu der wir momentan hier unterwegs sind. Es hat in der Spitze nur 30 Grad, und die Luftfeuchtigkeit ist sehr gut erträglich. Im November, sagt er, habe man 45 Grad und 100 % Luftfeuchtigkeit. „Nicht auszuhalten!“, ruft er mir noch beim Weggehen zu und macht ein verschmitztes Gesicht. Wenn man sich auf das Abenteuer einlässt, entdeckt man mehr als nur Verkehr und Hektik. Guayaquil wandelt sich mit beeindruckenden Projekten wie dem Malecón 2000, einer kilometerlangen Uferpromenade voller Parks, Museen, Restaurants und Aussichtspunkte.


Am Abend glitzert der Fluss und spiegelt das bunte Leben der Stadt wider. Es heißt, Guayaquil sei die Stadt der Begegnung, in der alle zusammenleben und sich treffen. Gleichzeitig deutet jedoch ein ca. fünf Meter hoher Zaun, der die Uferpromenade vom Rest der Stadt abschottet, darauf hin, dass das „gemeinschaftlich“ und „zusammenleben“ nur bestimmten Schichten vorbehalten ist. Alle 100 m ist eine Tür im Zaun, bewacht von einem bewaffneten Sicherheitsmann. Immer wieder strecken Straßenverkäufer die Hände durch den Zaun und bieten einem eine Flasche Wasser oder ein paar Nüsse an. Ein deutliches Zeichen dafür, dass eben nicht jeder Zutritt zu diesem Teil der Stadt hat. Manchmal könnte man fast meinen, wie armselig wir doch sind, uns hinter einem Zaun verstecken zu müssen und die restliche Welt dort draußen auszuschließen. Oder haben wir uns vom Rest der Welt ausgeschlossen? Es ist definitiv eine der Situationen, in denen einem wieder sehr bewusst wird, wie gespalten doch unsere Welt ist und wie privilegiert oder „armselig“ ein Bruchteil der Menschen doch ist.


Wir fühlen uns auf der anderen Seite des Zauns auf jeden Fall wohler. Das Leben sprudelt nur so um uns herum. In einem kleinen Restaurant genießen wir zum ersten Mal Ceviche. Es ist eine köstliche Mischung aus kaltem Fisch, zubereitet mit rohen Zwiebeln und einer hervorragenden, zitronenhaltigen Soße. Es ist eine hervorragende Speise für heiße Tage. Die Zitrone erfrischt, und der Fisch liegt nicht so schwer im Magen. Gestärkt geht es zu einer weiteren, für uns ganz besonderen Attraktion. Für jeden, der sich die Galápagos-Inseln nicht leisten kann oder will, kann man hier direkt in der Stadt drei der riesigen Landschildkröten im Universitätsgelände bestaunen. Eigentlich ist das Gelände streng abgeriegelt, doch mit einer Kopie des Passes und einem freundlichen Grinsen gewährt einem der Sicherheitsdienst als Tourist fünf Minuten mit den Urgeschöpfen. Drei riesige Schildkröten, die einfach nur daliegen und an ein paar Salatblättern knabbern. Trotzdem haben sie eine Aura, als wären sie Superstars. Ich kann nicht sagen, woran es liegt, doch wir sind beide baff, und die fünf Minuten vergehen im Flug. Die Schildkröten werden über 250 kg schwer und mehr als 100 Jahre alt. Durch die Jagd wurden alle Schildkröten ausgerottet. Lediglich durch Schutzprogramme konnten einige Unterarten gerettet werden. Ebenfalls charmant ist das Viertel „Las Peñas“, das älteste der Stadt. Hier schlängeln sich bunte Häuser und enge Gassen den Hügel Cerro Santa Ana hinauf. Wer die 444 Treppenstufen bis zur Spitze schafft, wird mit einem Panoramablick belohnt – und mit einem Hauch Geschichte, denn hier begann einst die Entwicklung Guayaquils.




Kakaofarm:

Nach drei Tagen tosender Stadt geht es für uns wieder ein Stückchen zurück – mitten rein in die Plantagen. Wir sind mit Jamil, dem Besitzer einer Kakaofarm, verabredet. Wir kommen am Abend an und dürfen kostenlos auf seiner Farm inmitten von Kakaobäumen übernachten. Am nächsten Tag bekommen wir eine private Tour, da die anderen Gäste noch nicht da sind. Wir streifen über eine Stunde mit ihm durch die Kakaoplantage, und er erzählt uns alles über die Bäume und die Farm. Wusstet ihr, dass Kakao den Geschmack der umliegenden anderen Bäume annimmt? Steht ein Zitrusbaum neben Kakao, wird dieser säuerlich. Stehen hingegen Bananen daneben, wird er süß. Beim schwarzen Pfeffer bin ich mir beim Sinn nicht ganz schlüssig, doch eine frische Pfefferbeere raubt mir, ganz zur Freude von Jamal und Anna, für die nächste halbe Stunde den Verstand.
Er besitzt zwei verschiedene Arten von Kakao: den billigen roten Kakao für den Export und den wertvollen gelben Kakao für die Eigenproduktion und die hochwertige Schokolade aus Ecuador.


Ein roter-Kakao-Baum trägt im Jahr ca. 150 Schoten. Es dauert nur drei Monate, bis aus der Blüte eine Schote heranwächst – ganz im Gegensatz zum gelben Kakao, der für die gleiche Schote acht Monate Zeit braucht. Wir ernten von beiden Varianten eine Schote. Tatsächlich ist der Geschmack von der gelben um Welten besser. Hier ist die Qualität sofort zu erkennen. Stolz erzählt er uns, dass er bereits in der vierten Generation die Plantage zusammen mit seiner Familie bewirtschaftet. Er berichtet ebenfalls, dass momentan ein Umdenken in der Regierung stattfindet und mehr Wert auf den Umweltschutz und die Bedingungen auf den Plantagen gelegt wird. Ebenso gibt er zu, dass er durch die vielen Touristen, die mittlerweile eine Kakaotour bei ihm buchen, eine zweite, sehr gute Einnahmequelle besitzt, wodurch er seine Plantage ganz anders und vor allem umweltverträglicher bewirtschaften kann.


Tatsächlich ist uns das auch bei der Anfahrt direkt aufgefallen. Erst fährt man durch eine karge Plantagenlandschaft, wo die Böden tot sind und Armut und Elend sehr groß erscheinen. Kaum sind wir aber von der schlechten Schotterstraße in seine Einfahrt abgebogen, ist man wie in ein kleines Paradies eingetaucht – definitiv kein reiches Paradies im Sinne von Geld, vielmehr ein Paradies, bei dem die Natur wieder zurück in den Einklang findet – inmitten der Plantagen. Mich erinnert das sehr an den Film „Unsere große kleine Farm“, bei dem ein Paar sich eine große Avocadofarm in den USA kauft mit ausgezehrten und toten Böden und diese allein durch die Kraft der Natur und das Zusammenspiel von verschiedenen Pflanzen und ökologischer Diversität wieder fruchtbar und widerstandsfähig macht.


Nach der Tour durch die verschiedenen Plantagen geht es an die Produktion von Schokolade. Erst dürfen wir das eigentliche Fruchtfleisch probieren. Im Gegensatz zum herben und eher bitteren Kakao ist dieses unglaublich süß und voller Zucker. Im rohen Zustand sind die Kakaobohnen nicht verträglich. Erst durch das Trocknen und anschließende Rösten der Bohnen findet eine Fermentation statt, wodurch sich verschiedene Stoffe in der Bohne umwandeln und dadurch verträglich werden. Die Bohne wird ebenfalls von einer dünnen Schutzschicht umschlossen, die erst nach dem Rösten leicht zu entfernen ist.




Wir pressen die Bohnen dann durch eine Art Fleischwolf und erhalten dadurch eine reine Kakaopaste. 100 % Kakaoanteil ist für den ein oder anderen Gaumen unerträglich. So verziehen drei US-Amerikaner angewidert den Mund nach dem Probieren. Anna und mir schmeckt die Paste eigentlich sehr gut, auch wenn man davon nicht wirklich viel essen kann.


Die „Chocolate Caliente“ schmeckt dann mit etwas Zucker natürlich gleich ganz anders – und hervorragend. Ebenfalls kombiniert mit zuckerhaltigen Früchten wie Banane wird die Paste gleich nochmals aufgewertet. Zum Abschluss hat Jamil noch eine fertige 70 %ige Schokolade vorbereitet, aus der wir einen Barren gießen und diesen mit verschiedenen Toppings bestreuen.


Peru, wir kommen:
Den Bauch voll Kakao geht es am nächsten Tag weiter nach Peru. Noch nie sind wir 250 km vor einer Grenze gestartet, um diese noch am gleichen Tag zu überqueren. Wir fahren immer weiter durch die endlosen Plantagen. Vor Peru müssen wir natürlich noch vom günstigen Diesel in Ecuador profitieren. Dieser kostet in Peru zwar immer noch nur ca. 95 Cent, ist aber dann doch 45 Cent pro Liter teurer als in Ecuador, und bei fast 500 Liter Tankvolumen sind das ein paar Euro. Wir kommen um die Mittagszeit an der Grenze an. Die Grenzangelegenheiten sind sehr einfach, doch peruanische Beamte sind nicht unbedingt die schnellsten. So zieht sich die Grenze über zwei Stunden hin. Kurz wird noch hinten in Greeny geschaut, und schon bekommen wir freie Fahrt. Wir müssen noch einkaufen und weitere 70 km zu unserem bevorzugten Plätzchen fahren.


Wir kommen an einem kleinen Paradies an. Wir haben einen Stellplatz unter einer Palme mit Blick aufs Meer, das keine 50 Meter von uns entfernt ist. Das Klima ist erstaunlich frisch. Wir haben ca. 25 Grad im Schatten, was in Kombination mit einer kühlen Brise vom Meer aus fast kalt wirkt. Hier verbringen wir nun ein paar Tage und bereiten uns auf ein paar lange und anstrengende Fahrtage durch den platten Norden von Peru vor.

Was uns hier alles erwarten wird, erfahrt ihr beim nächsten Mal.
Hasta pronto,
Anna und Michi
