
Es geht weiter. Wir verlassen unsere kleine Wohlfühloase. Die nächsten Tage werden wir viel Zeit auf der Straße verbringen. Wir haben noch ein Problem. Wir haben kein Gas mehr in unserer Gasflasche. Die App, die wir für die Stellplätze und zum Suchen von Wasserstellen usw. benutzen zeigen uns 4 Punkte auf der Strecke an. Leider sind die letzten Kommentare nicht wirklich vielversprechend.
Wir nehmen uns vor so weit wie möglich zu kommen.
Die erste, zweite dritte und zum Schluss auch die vierte Möglichkeit bestätigt sich unsere Vermutung. Für heute gibt es für uns kein Gas. Ich hatte noch ein Brot gebacken und so haben wir auch genug zu essen, um ohne Gas auszukommen. Die ganze Strecke fahren wir durch die Wüste. Eine ewige Weite voller nichts. Der Wind, der uns stetig stark entgegenkommt, bläst Sandfahnen über die echte „Panamericana“. Das erinnert uns sehr an Kanada, war es doch damals Schnee und kein Sand. Der Himmel und alles, was weiter entfernt ist, verschwindet in einem Staubdunst. Immer wieder fahren wir durch kleine Dörfer und fragen uns wie man hier leben kann. Vor allem wovon man hier leben kann. Hier und da sehen wir eine Ziegenherde umherziehen, die zwischen dem Müll noch die letzten lebenden Halme knabbern.


Ich kann mit Sicherheit behaupten, hier ist es trocken. Aber trotz dieser Trockenheit kommen wir immer wieder an Plantaschen vorbei. Manchmal sind es Plantagen für Drachenfrüchte, so groß, dass sie im Dunst verschwinden bevor man das Ende erblicken kann.
Ein anderes Mal sind es dann auch wieder riesige Reisfelder. Wir fragen uns wie ist das möglich. Der Reis steht in angelegten Feldern tief im Wasser und hat ein saftiges Grün, während 10 cm neben dem Feld die erbarmungslose Wüste beginnt. Hier kann doch etwas nicht stimmen. Wo kommen diese Mengen an Wasser her? Die letzten Flüsse sind eine Ewigkeit her und Salzwasser von der Küste ist auch nicht in greifbarer Nähe. Wir können es uns nur dadurch erklären, dass es hier unterirdisch riesige Wasserreservats geben muss, die langsam ausgebeutet werden.


Wir fahren in die Nacht hinein und schaffen an dem Tag trotz der vielen Zwischenstopps ca. 400 km.
Es gibt mal wieder ein wunderschönes Plätzchen für uns … NICHT.
Wir stehen in einer kleinen staubigen Stadt und quetschen uns zwischen Seitenstreifen und Tankstelle. Wir fühlen uns zwar nicht wirklich unwohl, aber eben auch nicht wirklich wohl. Die ganze Nacht donnern neben uns die LKWs über die Topes. Was immerzu angehupt werden muss, können wir nicht einschätzen es ist aber eine Nacht wie wenn wir mitten auf einem Rummelplatz stehen würden.
Wir schlafen beide schlecht und ab 4 Uhr, als die Marktfrauen beginnen das Essen an den vorbeifahrenden Verkehr zu verkaufen ist es dann endgültig vorbei mit Schlaf. Eine für uns sehr wichtige Sache, die wir ohne Gas nicht haben, ist Kaffee. So kriechen wir müde aus dem Bett frühstücken und klemmen uns wieder hinters Lenkrad. Greeny schnurrt sofort los. Seiner Tankanzeige können wir entnehmen, dass ihm die Raserei am Vortag gut gefallen hat.

Wir haben sicherlich mittlerweile eine gewisse Staubschicht angesetzt. Wenn wir über den Tisch streichen, fühlt es sich an, als hätten wir darauf Sand ausgeschüttet. Die Scheiben haben ebenfalls über Nacht eine Staubschicht angesetzt. Durch unsere Fenster im Koffer können wir bereits seit ein paar Tagen nicht mehr sehen. Fensterputzen ist aber hier wirklich überbewertet.
Wir bekommen endlich Gas!
Von einer Reisekollegin bekommen wir den Tipp, dass es in der nächsten Statt wohl endlich Gas für uns geben soll. Tatsächlich, bekommen wir endlich unsere Flasche aufgefüllt. An der Pforte unterhalte ich mich mit dem Pförtner und einem LKW-Fahrer. Erst der übliche Smalltalk dann erzählt er uns stolz, dass ALLE (seine Wahrnehmung) Reisende bei ihm Gas auffüllen, weil nur er die benötigten Adapter hat. Ich lasse ihn in dem glauben ist es doch ein unglaublich netter und zuvorkommender Wärter. Nach ca. 10 Minuten haben wir in unserer 8 kg Gasflasche mindestens 10 kg drin und das ganze für gerade einmal 10€.


Es geht weiter zum Einkaufszentrum. Ein Wocheneinkauf steht an. Parkplatz gibt es nur auf dem Dach. Bevor wir aber testen können, ob wir unter der Höhenbegrenzung durch kommen, werden wir aufgehalten, weil es Bedenken gibt, ob wir nicht doch plötzlich mit Greeny im Einkaufzentrum stehen… Dachlast und so.
Wir stellen ihn also an einer Seite von der Straße ab. Ein Mann, er gibt sich als Parkwächter aus, navigiert uns an einen Platz und sagt er passt auf unseren Greeny auf. Manchmal muss man einfach Vertrauen haben. Am Mittag können wir endlich unseren Wüstenritt fortführen.


Die längste reitbare Welle der Welt:
Wir wollen zu der Welle, die man als Surfer am längsten reiten kann. Surfen tun wir nicht, aber hier kann man sehr schön am Strand stehen. Außerdem wollen wir uns noch mit einer Freundin dort treffen. Wir kommen am Nachmittag an und sehen noch einen wunderschönen Sonnenuntergang. Es wird in der Nacht wieder empfindlich kalt. Wir haben momentan immer nur ca. 16 Grad in der Nacht. Eigentlich eine perfekte Temperatur. Der Wind sorgt dann noch für einen angenehmen Luftzug in Greeny. Staubsaugen haben wir bereits aufgegeben. Auch schlafen wir schon quasi in einem Sandkasten. Peeling inbegriffen.
Am nächsten Tag stößt Doro mit ihrer kleinen Hündin Kuna zu uns. Sie reist alleine in einem kleinen Toyota Land Cruiser. Am Abend machen wir gemeinsam in Greeny Pfannenpizza, während Kuna es sich unterm Tisch gemütlich gemacht hat. Das erste Mal, dass wir tierischen Besuch (ausgenommen von Geggo, Ameisen, Spinnen usw.) in Greeny haben. Es war ein sehr lustiger Abend.

Es geht weiter, aber nur ca. 5 km. Einmal durch das kleine Dorf an einen Aussichtspunkt, an den wir nur Offroad ran kommen. Es geht über eine kleine Piste mit mal großen und kleinen Löchern zum neuen Platz. Hier merken wir, wie unterschiedlich doch der Fahrstyle zu einem „normalen“ Auto doch ist. Während wir ganz gemütlich durch die Löscher schunkeln, flitzt Doro mit ihrem Toyota flink dazwischen durch und muss immer wieder auf uns warten.
Am neuen Platz haben wir eine noch bessere Aussicht. Einziges Manko, der Wind lässt uns wieder von links nach rechts schunkeln.



Für uns geht es nach getaner Arbeit weiter. Die Straße führt uns mehr oder weniger immer gerade aus weiterhin durch die staubige Wüste nach Trujillo. Bevor wir in die Stadt fahren, machen wir noch einen Abstecher in Chan Chan.

Chan Chan – Die größte Lehmstadt der Welt:
Zwischen Wüste und Pazifik, nahe der Stadt Trujillo an der Nordküste Perus, liegt eine der faszinierendsten archäologischen Stätten Südamerikas: Chan Chan die ehemalige Hauptstadt des Chimú-Reiches. Was auf den ersten Blick wie eine sandige Ruinenlandschaft wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als das größte Lehmziegel-Bauwerk der Welt und als stiller Zeuge einer hochentwickelten präkolumbianischen Kultur.

Die Stadt wurde um das Jahr 850 n. Chr. erbaut und erst rund 600 Jahre später von den Inka erobert. Auf ihrem Höhepunkt lebten hier schätzungsweise bis zu 60.000 Menschen. Ein riesiges urbanes Zentrum mit Tempeln, Palästen, Wohnanlagen und Wasserkanälen, das komplett aus Adobe-Lehmziegeln errichtet wurde. Die Architektur ist durchzogen von kunstvoll eingeritzten Symbolen: Fische, Vögel, geometrische Muster. Hinweise auf die tiefe Verbindung der Chimú mit dem Meer.


Was Chan Chan besonders macht, ist nicht nur seine Größe, sondern auch die Raffinesse, mit der die Stadt geplant wurde. Die Chimú entwickelten ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem, das Wasser aus den Anden über Kanäle in die Stadt leitete eine beeindruckende Ingenieursleistung mitten in der trockenen Küstenregion.
Heute ist Chan Chan UNESCO-Weltkulturerbe und stark bedroht. Regen, Erosion und Klimawandel setzen der empfindlichen Lehmstruktur zu. Große Teile der Stadt sind noch nicht freigelegt oder für Besucher zugänglich. Wer Chan Chan heute besucht, betritt nur einen kleinen Teil dessen, was einst eine riesige, lebendige Metropole war.
Beim Durchwandern der riesigen Lehmwände fühlt man sich ein wenig wie in einer vergessenen Wüstenstadt mit der Magie einer Kultur, die fast spurlos verschwunden wäre. Ein Ort, der leise und eindrucksvoll zugleich daran erinnert, wie viel Wissen, Kunst und Geschichte in der Erde Südamerikas noch verborgen liegt.

Danach geht es zum Einkaufen in die über 1 Mill. Metropole, die plötzlich aus dem Dunst emporsteigt. Es ist merkwürdig. Erst fährt man stundenlang nur an einfachen Lehmhäusern vorbei, bei denen man sich nicht sicher ist, ob diese überhaupt an das Wassernetz angeschlossen sind und 10 Minuten später steht man in einer riesigen reichen Stadt. Wir bleiben an einer der riesigen Shoppingmalls stehen, um unsere Lebensmittelreserven wieder aufzufüllen. Wie immer sind diese streng bewacht und komplett eingezäunt. Vor 10 Minuten waren wir noch in der staubigen Wüste wo jeder ums überleben kämpft und dann steht man in einer Stadt und alles sprudelt vor Überfluss. Diese Veränderung ist uns etwas schnell gegangen und wir sind froh als wir unsere Reise vorsetzten können und wieder raus aus dem hektischen Gewusel können.

Durch eine Sperrung müssen wir einmal komplett durchs Stadtzentrum. Voll im Feierabendverkehr ein Abenteuer. Wir sind sehr froh nicht mit den Autos auf Augenhöhe zu sein, sondern das ganz von oben zu betrachten.
Wir wurden oft gewarnt, dass die Autofahrer in Peru schrecklich sind. Bis jetzt konnten wir uns nicht beschweren. Alles hält sich, mal mehr mal weniger, an die Regeln. Doch hier und jetzt im Stadtverkehr könnte man manchmal denken „Was für arrogante Doofköpfe“. Jeder versucht sich in die erste Reihe zu quetschen und jemanden reinlassen geht gar nicht. Lieber verkeilen sich auf einer zweispurigen Straße 6 Autos nebeneinander, bevor einfach einer nachgeben würde und der Verkehr fließen kann. Aber gut so läuft es halt. Von oben ist das ganze ja auch ganz lustig anzusehen.

Menschlich, können wir die Peruaner noch nicht ganz einschätzen. Wir haben weiterhin nur gute Erfahrungen gemacht, doch wenn wir so durch die Gegend fahren, werden wir immer wieder Gegrüßt, mit einem Gesichtsausdruck, der von „Hallo mein Freund“ bis „Ich bring dich um die Ecke“ alles bedeuten könnte. Wir sind gespannt, ob es hier einen Unterschied zwischen Flachland und Anden geben wird.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kommen wir an unserem Platz an. Wir haben uns zwar angemeldet, doch leider ist keiner da. Ein alter Mann in einer Horde von kleinen Hunden mit einem Spaten in der Hand empfängt uns auf der Straße und hilft uns. Im Nachhinein stellt sich heraus, er ist der Vater von unserer eigentlich Gastgeberin und wohn daneben. Wir dürfen uns bei im in den Innenhof stellen. Dort wohnt aber nicht nur er, sondern alle weiteren die irgendwie zur Familie gehören. Wir haben eine sehr angenehme und stille Nacht und stellen am nächsten Tag fest, dass wir an einem Abhang stehen inklusive Ausgrabungsstätte.
Er erzählt uns, dass die Ausgrabungen gerade begonnen haben und sie bereits ein schreiben bekommen haben, dass sie Ihren traditionellen Bauernhof verlassen müssen, da auch hier Ausgrabung stattfinden werden. Ob es hier auch Ausgleichszahlungen oder ähnliches gibt, können wir nicht sagen. Eins steht aber fest. Den Mann schätzen wir auf mindestens 80 Jahre eher älter und selten haben wir jemanden so arbeiten sehen wie ihn. Entweder er rennt mit seinem großen Sombrero auf dem Kopf mit einem Spaten in der Hand herum oder kehrt den Hof mit einer Geschwindigkeit und Schwung, dass man auf seine körperliche Verfassung als 30-Jähriger neidisch werden könnte.



Für uns geht es weiter auf die letzte Etappe in dieser Woche. Eigentlich wollten wir direkt von hier aus wieder in die Anden emporsteigen. Der nächste uns bekannt Schlafplatz wäre aber knapp unter 4000 hm. Von Null weg gleich auf 4000 hm ist uns zu viel. Wir entscheiden noch weiter an der Küste zu bleiben und erst die nächste größere Straße zu nehmen. Es geht weitere 200 km durch immer dieselbe Landschaft. Bis wir an einer Mango Plantage in Ankommen. Hier wird unser Schlafplatz sein. Auch hier stellen wir uns wieder die Frage, wo das Wasser für die Bewässerung der Plantage herkommt. Wir freuen uns aber jetzt auf die Berge.


Ab morgen geht es aufwärts. Aber das wird eine Spannende Geschichte für nächste Woche!
Bleibt gespannt und wachsam!
Hasta pronto,
Anna und Michi
