Woche 145: Deutsche tragen Bart?
Woche 145: Deutsche tragen Bart?

Woche 145: Deutsche tragen Bart?

Ungeplant in Cusco geblieben

Als unser Taxifahrer uns am 03. Juni am Flughafen in Cusco abholte, stand er dort mit einem Schild in der Hand. Darauf in großen Buchstaben: „ANNA MARIA“.

Damals hätten wir wirklich nicht gedacht, dass wir heute noch immer hier sein würden.

Schon auf der Fahrt erklärte er uns, dass wir im perfekten Monat angekommen seien. Überall in der Stadt würden bis zum 24. Juni Paraden, Tänze und Feierlichkeiten stattfinden. Dann fragte er uns, ob wir am 24. Juni noch da wären, um das Fest der Inkas mitzuerleben.

Wir schmunzelten und verneinten ganz selbstverständlich.

Drei Wochen in Cusco? Nein, so lange bestimmt nicht.

Auch wenn wir keine Eile haben, waren wir uns ziemlich sicher, dass wir bis dahin schon längst weitergereist wären.

Pustekuchen.

Tatsächlich warten wir immer noch. Greeny braucht immer noch ein neues Visum und danach auch noch eine Verlängerung des Visums. Wir warten auf die Aduana. Und so sitzen wir weiter in Cusco. Einerseits kribbelt es in uns, weil wir endlich weiter wollen. Andererseits merken wir auch: Manchmal passiert das Schönste genau dann, wenn man ungeplant irgendwo hängenbleibt.

Denn Cusco macht es einem gerade wirklich leicht, länger zu bleiben.

Die Stadt ist zu dieser Zeit ein echtes Highlight. Egal wann wir in die Stadt hinuntergehen, irgendwo wird getanzt, musiziert oder gefeiert. Von jung bis alt sind alle dabei. Die Straßen sind voller Farben, Trachten, Musik und Bewegung.

Und gleichzeitig hat diese Zeit auch etwas ganz Angenehmes. Während alle den großen Paraden zuschauen, sind manche Nebengassen plötzlich wunderbar leer. Dann kann man ganz in Ruhe durch die Stadt bummeln, kleine Läden entdecken und für einen Moment vergessen, dass draußen eigentlich der Ausnahmezustand tanzt.

Einen kleinen Laden haben wir inzwischen besonders ins Herz geschlossen.

Es gibt hier einen winzigen, sehr bescheidenen, nennen wir es mal „Bioladen“. Dort bekommen wir Tofu. Und weil das für uns mittlerweile fast schon Luxus ist, sind wir dort inzwischen Stammkunden.

Bei einem unserer letzten Besuche fragte uns die Besitzerin ganz ernsthaft, wo genau wir in Cusco wohnen. Oder besser gesagt: in Llaulipata.

Wir mussten ein bisschen schmunzeln, aber eigentlich wundert es uns nicht. Bei unseren regelmäßigen Tofu-Besuchen gehören wir wahrscheinlich inzwischen schon fast zum Inventar. So entstand ein kurzes, nettes Gespräch über unsere aktuelle Wohnsituation und darüber, dass wir eben immer noch hier sind.

Seit Mexiko sind wir außerdem immer wieder begeistert von den Kindern hier in Lateinamerika.

Natürlich wissen wir, dass es nicht gut ist, wenn Kinder schon in sehr jungen Jahren auf der Straße Produkte verkaufen müssen. Und trotzdem überrascht uns ihr Verkaufstalent immer wieder. Manche von ihnen haben Fähigkeiten, die viele Erwachsene sich erst irgendwann im Berufsleben aneignen. Manche vielleicht auch nie.

Sie sind mutig, direkt, charmant und unfassbar geschickt.

Und ja, so schafft es dann doch immer mal wieder ein Kind, mir das tausendste selbstgeknüpfte Armband zu verkaufen. Nicht, aus Mitleid. Sondern weil ich von diesem Geschick und diesem Mut einfach beeindruckt bin.

Besonders hängen geblieben ist uns ein Junge in einem kleinen bunten Laden.

Ich betrat den Laden zuerst und er begrüßte mich sofort. Dann fragte er, woher ich komme.

„Aus Deutschland“, sagte ich.

Er schaute mich an und meinte trocken:

„So schaust du aber nicht aus.“

Ich musste lachen und fragte: „Nein? Wieso denn nicht?“

Darauf fiel ihm nicht sofort eine Antwort ein. Er drehte sich zu Michi um, musterte ihn kurz und sagte dann:

„Er schaut schon wie ein Deutscher aus.“

Michi und ich mussten beide ziemlich schmunzeln.

Ich fragte: „Vermutlich, weil er hellere Haare hat, oder?“

Der Junge sah mich ganz ernst an und sagte:

„Nein. Weil er Bart hat.“

Jetzt konnten wir uns ein kleines Lachen wirklich nicht mehr verkneifen.

Ich fragte ihn, ob Peruaner denn keinen Bart hätten. Man merkte richtig, wie er darüber nachdenken musste.

Und irgendwie hatte er gar nicht so unrecht. Uns ist tatsächlich aufgefallen, dass die meisten peruanischen Männer, zumindest die, die wir bisher gesehen haben, glatt rasiert sind. Einen vollen Bart sieht man hier eher selten.

Später haben wir ein bisschen dazu recherchiert und herausgefunden, dass viele Peruaner genetisch nicht die gleiche Bartfülle haben wie Europäische Männer. Auch historisch war ein voller Bart in vielen präkolumbianischen Andenkulturen eher unüblich.

Vielleicht hatte der kleine Verkäufer also mit seiner Einschätzung gar nicht so Unrecht.

Seit letzter Woche haben wir außerdem sehr nette Nachbarn aus der Nähe von Erding. Die beiden sind ungefähr in unserem Alter und mit einem T4 unterwegs.

Es ist immer wieder faszinierend, wie schnell man sich auf Reisen mit eigentlich fremden Menschen vertraut fühlen kann. Man trifft sich irgendwo, kommt ins Gespräch und plötzlich fühlt es sich an, als würde man sich schon ewig kennen.

So saßen wir eines Abends in einem Restaurant, redeten und redeten und merkten irgendwann gar nicht, dass der Laden eigentlich schon schließen wollte. Um 23 Uhr wurden wir dann freundlich, aber bestimmt hinauskomplimentiert.

Am nächsten Tag ging es direkt weiter.

Aus einem kurzen Zusammensitzen in Greeny wurden am Ende elf Stunden. Wir ratschten bis drei Uhr nachts. Und ganz ehrlich: Wenn irgendwann nicht die Blase so unglaublich gedrückt hätte, wären vermutlich locker noch zwei Stunden drin gewesen.

Mal schauen, wo uns die Reise mit den beiden noch hinführt.

Und so sind wir plötzlich immer noch in Cusco.

Nicht geplant. Nicht ganz freiwillig. Nicht ohne dieses innere Kribbeln, endlich weiterzufahren.

Aber vielleicht genau richtig.

Denn während wir auf Papiere, Visa und Greeny warten, schenkt uns Cusco volle Straßen, leere Nebengassen, Tofu aus dem kleinen Bioladen, Kinder mit großem Verkaufstalent, ehrliche Bartanalysen und neue Reisebekanntschaften.

Und jetzt sind wir tatsächlich doch noch hier.

Pünktlich zum Fest der Inkas am 24. Juni.

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