Woche 97: Andenbären und Äquator
Woche 97: Andenbären und Äquator

Woche 97: Andenbären und Äquator

Wir trauern ein bisschen dem deutschen Campground hinterher. Dem guten Apfelkuchen und den tollen Gesprächen mit wirklich wunderbaren Menschen aus Deutschland und der Schweiz, auch in unserem Alter. Selten, dass man so viel Zeit mit Gleichgesinnten verbringen kann und dabei noch deutsches Bier und deutsches Essen bekommt. Und dieser Apfelkuchen … einfach himmlisch.

Wir fahren weiter in eine abgelegene Anden Region. Wir haben einen Plan: den legendären Andenbären, auch Brillenbär genannt, zu finden, zu sehen, zu entdecken. Der einzige Bär Südamerikas!

Was man über den Andenbären wissen sollte:

Der Andenbär, auch Brillenbär genannt (wegen der hellen Zeichnung rund um seine Augen), ist die einzige Bärenart Südamerikas und vom Aussterben bedroht. Er lebt in den Nebelwäldern und Bergregionen der Anden, vor allem in Ecuador, Peru, Kolumbien und Bolivien. Er ist ein Einzelgänger, ernährt er sich hauptsächlich pflanzlich, besonders Avocados haben es ihm angetan. Weltweit gibt es nur noch schätzungsweise 2.000 bis 2.500 Exemplare, davon rund 90 in dem Gebiet, in das wir gerade unterwegs sind.

Die Landschaft wird einzigartig. Wir fühlen uns zum ersten Mal, als wären wir wirklich in den Anden angekommen, ganz und gar. Die Straße hört auf, asphaltiert zu sein, und wird schotterig. Wir folgen einem Flusslauf, der vor kurzem noch die komplette Straße weggespült hatte. Immer weiter in die Berge. Ab und zu kommt uns ein Auto entgegen, doch viel bewohnt ist es hier nicht.

Wir kommen an, Alles ist sehr eng mit Greeny. Die Kinder im Dorf sind neugierig, hier verirren sich nur wenige Touristen hin. Das spüren wir sofort. An den Hängen wachsen Orangen und Avocados. Die Avocadobäume sind so dick und satt, wie wir sie noch nie gesehen haben. Kleine Felder, kleine Bauern, mitten in riesigen Bergen.

Wir treffen einen Ranger, der das Gebiet betreut und auch den nahegelegenen Nationalpark. Mit ihm zusammen gehen wir zu einem Aussichtspunkt. Ein Baumhaus, das ein Stück über einen Canyon ragt. Auf der anderen Seite: ein spektakuläres Anden-Panorama mit riesigem Wasserfall.

Und jetzt stehen wir da und warten. Und warten. Und warten. Warten und suchen, bis unsere Augen kugelrund werden, auf der Suche nach Andenbären.

Und tatsächlich: Eine Bärenmama mit einem kleinen Babybären. Sie mühen sich den steilen Berghaang hinauf.

Gegenüber plotzlih, auch ein alleingänger, der sich es gemütlich gemacht hat und unter einem Avocadobaum die Avoados futtert.

Was für ein Erlebnis.

Ganz früh am nächsten Morgen dürfen wir noch einmal zu diesem Platz. Der Ort allein ist schon magisch. Man stapft durch Avocado-Felder hinunter und plötzlich öffnet sich der Blick auf einen Canyon. Mitten auf einer Wiese steht ein einziges weißes Pferd. Es wirkt wie aus einem Zauberwald. Wir entdecken noch einen weiteren Bären, ganz allein. Es ist still. Und wir genießen diesen friedlichen Morgen in vollen Zügen.

Dann geht es weiter nach Otavalo.

Hier gibt es unglaublich viele Indigene. Das merken wir sofort. Die Männer tragen lange, schwarze, oft geflochtene Haare. Die Frauen – bunt gekleidet – tragen eine Art Decke auf dem Kopf und auffällig viele farbenfrohe, kunstvoll gefertigte Perlenketten.

Indigene Bevölkerung in Otavalo:

Otavalo ist berühmt für seine indigene Kichwa-Gemeinschaft, die für ihre lebendige Kultur, ihre Musik und ihr Handwerk bekannt ist. Viele Familien leben hier seit Generationen von der Herstellung und dem Verkauf von Textilien, insbesondere Ponchos, Schals und Decken. Die Otavaleños gelten als besonders unternehmerisch und pflegen ihre Sprache, Traditionen und Trachten mit Stolz. Auch international sind sie als Musiker:innen unterwegs und tragen ihre Kultur in die Welt hinaus.

Kurz vor Otavalo schlafen wir an einem See. Die Umgebung rund um die Stadt wirkt seltsam, beinahe verstörend. Überall stehen unvollendete Rohbauten aus Beton. Prunkvoll geplant, aber nie zu Ende gebaut. Einer nach dem anderen. Und auf den Straßen kaum ein Mensch, nur vereinzelt ein paar Indigene. Wir fragen uns, ob das vielleicht Orte sind, die der Umsiedlung dienen.

Am See treffen wir Machu. Er ist der Pächter des Sees und heißt uns herzlich willkommen. Auch er ist Indigener, trägt einen langen schwarzen Zopf und einen Hut, der ein wenig an eine Melone erinnert. Er erzählt uns stolz, dass er schon in der Schweiz war, als Musiker. Indigene Musik. Er freut sich daran, Michael „Mischael“ zu nennen, anstatt, wie wir es pflegen, einfach „Miguel“.

Wir dürfen hier stehen bleiben, gegen eine kleine Spende. Was für ein schöner Ort.

Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg nach Otavalo. Dort müssen wir natürlich den legendären Poncho-Markt besuchen.

Der Poncho-Markt in Otavalo:

Der Markt von Otavalo zählt zu den größten und farbenprächtigsten Handwerksmärkten Südamerikas. Jeden Samstag füllt sich der zentrale Platz mit Hunderten von Ständen, an denen Textilien, Schmuck, Kunsthandwerk und traditionelle Kleidung verkauft werden. Viele der Produkte sind handgemacht und stammen direkt aus den umliegenden Dörfern. Es ist ein Ort des Austauschs, der Farben, der Geschichten.

Und wieder treffen wir hier jemanden, der uns tief beeindruckt. Was für ein Glück, dass wir genau an diesem Stand stehen bleiben, mitten in dieser dichten Menge aus Marktständen.

Ein älterer Mann, um die 80, entdeckt uns, sagt nur „Wartet kurz“  und verschwindet. Wir schauen uns fragend an. Kurz darauf kommt er mit einem dicken, abgenutzten Fotobuch zurück. Die Seiten fallen fast auseinander, doch mit leuchtenden Augen erklärt er uns Bild für Bild: Wer er ist. Wer er war. Was in seinem Leben passiert ist. Jahrzehnte voller Geschichten.

Er ist der Einzige auf dem Markt, der noch alles per Hand herstellt. Der Einzige, der schon seit Jahrzehnten hier steht. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, mit Urkunden und Anerkennungen. Er war schon in den USA, in Portugal, in Spanien. Und jetzt, steht er hier vor uns. Und erzählt.

Wir konnten nicht anders, als uns einen seiner Teppiche kaufen. Vielleicht wird er einen Platz in Greeny finden. Vielleicht aber auch irgendwann in der Zukunft, in einem anderen Zuhause.

Wir reisen weiter, zu einem ganz, ganz besonderen Ort für uns. Nach zwei Jahren Reise, die so nie geplant waren, schaffen wir es endlich an den Äquator. Unglaublich. El Mitad del Mundo in Quito, dort erreichen wir punktgenau um 12 Uhr die Äquatorlinie. Wir sind zum ersten Mal auf der Südhalbkugel.

Wir treffen hier auch wieder Miguel, eine weitere Persönlichkeit, die uns seine Geschichten erzählt. Ecuador ist für uns jetzt schon ein Land der Menschen, die sich wirklich mit uns verbinden wollen. Die sich für uns interessieren. Die uns ihre Geschichten erzählen.

Warum die Äquatorlinie in Quito so besonders ist:

Der Punkt bei Quito eignete sich besonders gut zur Vermessung des Äquators, weil hier die Anden in Nord-Süd-Richtung verlaufen und damit eine stabile geografische Referenz bieten. Zudem liegt die Region auf einer Hochebene, die klare Sicht und ideale Bedingungen für präzise astronomische Messungen bot,  anders als zum Beispiel im dichten Dschungel oder an flachen Küsten in anderen Gebieten auf der Welt. Schon lange vor der französisch-spanischen Expedition wussten die indigenen Völker der Region, dass hier etwas Besonderes ist: Die Quitu-Cara und andere andine Kulturen hatten bereits rituelle Stätten entlang der Sonnenbahn errichtet und beobachteten Sonnenstände zu bestimmten Jahreszeiten, die auf die Äquatorlage hinwiesen. Ihr Wissen über Astronomie und Geografie war bemerkenswert.

Wir reisen weiter hinein nach Quito. Und was sollen wir sagen? Auch hier begegnen wir wieder Menschen, die uns sofort ihre Geschichten erzählen, von ihrer Familie, ihrem Leben, ihrer Stadt. Es wird nicht einmal hinterfragt, ob wir überhaupt Spanisch sprechen. Und trotzdem sind wir beide erstaunt, und irgendwie stolz, wie gut wir mittlerweile verstehen können. Ich kann es gar nicht oft genug sagen: Wir sind selbst total begeistert, wie sehr wir in der Sprache angekommen sind. Hätten wir nie gedacht, dass wir irgendwann auf dieser Reise so gut Spanisch sprechen würden, dass wir ganze Familiengeschichten verstehen können.

Quito ist eine der schöneren Städte, die wir bisher in Südamerika entdeckt haben. Wir stehen hier oben am Berg, blicken hinunter auf diese riesige, lebendige Metropole. Viele bunte Lichter. Und in der Ferne der Cotopaxi, tatsächlich schneebedeckt.

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