Woche 99: Wir bringen Anna unter den Hut!
Woche 99: Wir bringen Anna unter den Hut!

Woche 99: Wir bringen Anna unter den Hut!

Schweren Herzens verabschieden wir uns von der kleinen, friedlichen Farm von Victor. Es war ein ganz besonderer Ort. Einer der Orte, von denen es schwerfällt, sich zu verabschieden. Nicht unbedingt, weil der Ort an sich so schön oder besonders war. Vielmehr daher, weil wir die Stille so genossen haben. Seit Südamerika ist es voll geworden. Bei quasi jedem Campingplatz, den wir ansteuern, treffen wir auf andere Europäer. In Alausí scheint es noch etwas unbekannter zu sein.
Unser nächster Halt ist Cuenca. Eigentlich wollten wir noch einen Zwischenstopp einlegen, entscheiden uns aber dazu, in einem Rutsch die 180 km über die unglaublich kurvige Bergstraße zu fahren.

Cuenca:

In Cuenca wartet Christian bereits auf uns. Er ist mit einem Mercedes G vom österreichischen Militär unterwegs. Cuenca gefällt uns sofort. Man spürt, dass hier die Zeit noch anders läuft. Zum Campground fahren wir lange an einem Fluss entlang, der mit seinem schön angelegten Gehweg und Spielplätzen mehr an die Donau erinnert. Nur die Sprache, die freundlichen Blicke und die lebensfrohen Menschen lassen uns daran erinnern, noch in Ecuador zu sein.

Ein Kind spielt glücklich auf der Starße.

Nach einem ersten gemütlichen und langen Abend zusammen mit Christian begrüßt uns der nächste Tag mit einer angenehmen Frische und Sonnenschein. Heute geht es in die Stadt. Mit dem Taxi düsen wir die 3 km ins Stadtzentrum. Begeistert schlendern wir vorbei an Märkten, in denen Einheimische ihre eigene Kunst verkaufen. Wir merken schnell, dass in Cuenca die Kunst einen großen Einfluss hat. Auch fällt uns auf, dass, egal wo man hinschaut, überall mindestens eine Kirche zu sehen ist. Am Abend sind wir mit Olivia und Martin verabredet. In einem schönen Café/Restaurant wollen wir den Nachmittag ausklingen lassen. Doch wie es meistens ist, wird es bis in die späte Nacht dauern. Die beiden waren ein Jahr mit einem Van in Südamerika unterwegs. Leider neigt sich ihre Reise dem Ende zu, und so versuchen sie, den Van zu verkaufen, und in ein paar Wochen geht es zurück nach Deutschland.

Ein Markt im vordergrund und im Hintergrund Häuser.

Ein Marktstand mit viel verschiedenem Obst.

Freewalkingtour in Cuenca:

Am nächsten Tag sind wir zur Mittagszeit mit Flavio verabredet. Er ist unser Freewalkingtour-Führer und wird uns in den nächsten drei Stunden sein Cuenca zeigen. Standardmäßig buchen wir die Touren immer auf Englisch. Flavio ist aber davon überzeugt, dass wir das Ganze auch auf Spanisch machen können, und wenn wir etwas nicht verstehen, sollen wir ihn fragen, dann übersetzt er es.
Sicherlich liegt es auch an dem schönen und reinen Spanisch, das Flavio spricht, dass wir die Führung auf Spanisch machen können. Trotzdem sind wir begeistert, dass wir mittlerweile gut genug Spanisch sprechen, um eine Tour zu verstehen.

Eine Fasade eines wunderschönen Kolunialhauses.

Er gibt uns Einblicke in Cuenca, die wir so wohl nie erfahren hätten. Erst erzählt er uns etwas über die Leute in Cuenca. Er bestätigt sogleich unser Gefühl, dass Cuenca eine andere Stadt ist. Cuenca zählt zu den sichersten Städten in Südamerika. Warum das so ist, schildert er uns sehr bildlich. Kurz gefasst: Leute schauen aufeinander, und wenn etwas passiert, hilft der eine dem anderen.

Ein Banner an einem Balkon.

Die lange Variante ist etwas brutaler. Auch in Cuenca ist die Korruption in der Polizei sehr groß. Daher ist es notwendig, dass die Leute gegenseitig aufeinander schauen. So soll es doch das ein oder andere Mal vorkommen, dass auf einen Raub der, der den Räuber gefangen hat, den Bestohlenen nach einem Feuer fragt – denn Benzin hat er selbst …
Sicher wird es die Ausnahme sein, doch wenn ein Dieb erwischt wird und die Selbstjustiz der Anwohner diesen an den Pranger stellt, steht die Polizei entweder tatenlos daneben oder der Dieb hat Glück und wird von der Polizei gerettet, bevor er stirbt.
Überall in der Stadt sind an den Balkonen Banner angebracht, die davor warnen, ein Verbrechen zu begehen, denn die Strafe wird grausam sein.

Ein sehr schönes Kolunialgebäude.

In der Führung laufen wir an zwei der vier Kreuze vorbei, die die Stadt Cuenca von den Außenbezirken trennen. Früher war es wohl so: Wohlhabende Europäer und fromme Christen innerhalb der vier Kreuze, Indigene außerhalb. Wenn ein indigener Einwohner die Stadt betreten wollte, musste dieser am Kreuz niederknien und ein katholisches Gebet sprechen – eine von den Katholiken eingeführte Peinigung, um den Indigenen ihren Glauben aufzuzwingen.

Durch den bevorstehenden „Día de independencia“ sind die Straßen und Märkte voll, und überall wird Musik gespielt. Wir schweifen in eine weniger belebte Gasse ab und besuchen in einem prunkvollen französischen Kolonialhaus ein Schokoladencafé von Paccari. Mit einem Stückchen zart schmelzender Maracuja-Schokolade im Mund erzählt er uns einiges über das Geschäft mit dem Kakao. Er geht auf eine Tafel ein, auf der verschiedene Hersteller von Schokolade unter verschiedenen Kriterien aufgelistet werden. Walmart, Lidl, Aldi und Ritter Sport sind dabei einige der traurigen Verlierer. Von der Umweltverträglichkeit über Produktionsbedingungen bis hin zur Unterstützung der Waffenlobby sind die Kriterien breit aufgestellt.

Als Nächstes soll es in das Museo del Sombrero gehen. Leider hat dieses bereits geschlossen, und wir werden es am nächsten Tag erst bestaunen können. Es geht weiter an unzähligen Kirchen. Wir erfahren, dass es in Cuenca allein 52 Kirchen gibt. Es sollte möglich sein, jeden Sonntag in einer anderen Kirche die Messe feiern zu können. Daher wird Cuenca auch der Vatikan von Südamerika bezeichnet. Enden tut unsere Führung bei Sonnenuntergang am Dom.
Müde und erschöpft geht es nach Hause.

Museo del Sombrero:

Das Museum, wo die „echten“ Panamahüte herkommen, wollen wir uns nicht entgehen lassen. Tatsächlich werden die echten Panamahüte nur in Ecuador hergestellt. Sie tragen nur deshalb ihren berühmten Namen aufgrund der Zollabfertigung im Panamakanal. Damals hat jeder Hut einen Zollstempel von Panama erhalten, bevor er durch den Panamakanal bis nach Europa reisen durfte.
Das Museum beschreibt die traditionelle Fertigung vom Palmblatt bis hin zum fertigen Hut.
Bis heute werden hier die Hüte noch traditionell hergestellt.
Anfangen tut alles mit einem großen Rohling, der von Frauen und Männern um Cuenca herum geflochten wird.

Ein Strohhut wird erstellt.

Als erstes wird ein geflochtener Rohling in einer Presse mit 40 kg Druck in seine Form gepresst.

Erst wird der Hutrohling angefeuchtet.

Die Presse und die Formkörper werden mit einer Gasflamme erhitzt.

Als zweites wird die größe der Krempe am geformte Hut angezeichnet.

Ein Strohhut wird erstellt.

Ein Strohhut wird erstellt.

An der angezeichneten Linie wird die Krempe umgeknickt.

Ein Neilonseil wird in die Krempe eingenäht.

Die überstehende Krempe wird nach dem Vernähen abgeschnitten.

Danach wandert der Hut erneut in die Presse, um die Form zu festigen.

Ein Strohhut wird erstellt.

Ein Strohhut wird erstellt.

Jetzt wird in den Hut das Innenleben eingenäht.

Nach dem vernähen des Innenlebens, wandert dieser erneut in die Presse.

Danach wird der Hut mit einer Art Wachs versiegelt und damit dieser geschmeidig bleibt.

Danach wird er ein drittes und letztes mal gepresst.


Jetzt wird in den Hut das Innenleben eingenäht.

Ein Hut wird erstellt.

Dann wird ihm noch der letzte Schliff verpasst.

Er bekommt ein farbiges Band nach Wunsch und noch ein weiters, um ihn besser kombinieren zu können.

Fertig ist ein echter Panamahut.

Jetzt haben wir nach mir, auch Anna unter den Hut gebracht.

Ein Hut wird erstellt

Es geht weiter Richtung Guayaquil:

Die landschaft beim überqueren eines Passes in Ecuador.

Wir bleiben drei Tage länger in Cuenca, als wir es geplant hatten. Als Nächstes soll es wieder mal runter von den Anden gehen bis ins Tiefland.
Davor müssen wir aber noch über einen kleinen Pass mit schlappen 4000 hm. Greeny kämpft sich tapfer die steile Bergstraße immer weiter nach oben.

Stau vor und hinteruns.

„Stau ist vorne immer am schönsten“

Den „Día de independencia“ mit unserem Geschoss als Reisetag zu nutzen, hatten wir uns anders vorgestellt. Ganz Ecuador tummelt sich gefühlt auf der kleinen Verbindungsstraße zwischen Küste und Cuenca. Es ist anstrengend zu fahren, und immer wieder haben die Schutzengel der anderen Autofahrer bei ihren haarsträubenden Überholmanövern alle Hände voll zu tun. Erschöpft kommen wir bei Sonnenuntergang bei einem kleinen Restaurant an. Wir befinden uns noch auf ca. 2000 hm und blicken auf eine dichte Wolkendecke. Es scheint fast so, als würden wir aufs Meer blicken. Doch eigentlich verbirgt sich unter der dichten Wolkendecke das heiße Tiefland, vor dem wir, ehrlich gesagt, schon wieder großen Respekt haben …

Wolkenmeer unter uns mit blick nach draußen.

Wie es uns wieder mit der Hitze ergeht, hört ihr beim nächsten Mal.

2 Kommentare

  1. Maria Krämer

    Vielen ,vielen Dank, dass ihr eure Cuenca-Begeisterung auf meine Erinnerung übertragen konntet. Ich habe beim Lesen die Stadt nochmals erleben können. Ich war auch sehr glücklich in der langen Woche in Cuenca. Macht’s gut weiterhin, mit Grüßen Maria

    1. Michael

      Hallo Maria! Definitiv war Cuenca eine ganz besondere und beeindruckende Stadt.
      Es freut uns immer wieder zu lesen, dass wir dich, auf eine besondere Art und weise, ein zweites mal an so tolle Orte mitnehmen können.
      Wir müssen gestehen, Cuenca war nicht wirklich auf unserem Reiseplan vorhanden, ist aber durch euren Reisebericht auch auf unsere Liste gewandert.
      Somit müssen wir also eigentlich euch danken, dass wir diese tolle Stadt überhaupt gesehen haben.
      Beste Grüße aus dem Norden Perus.

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